Stadtjäger Modul 2 - Wildtiere im Siedlungsraum Ausbildung

In diesem Modul ging es darum, die in den Siedlungsräumen von Baden-Württemberg vorkommenden Tierarten kennen zu lernen. Hierzu werden an der Universität Freiburg seit 2010 mehrere Forschungsprojekte im Auftrag des MLR und gefördert durch die Jagdabgabe durchgeführt (1 -3). Frau Peerenboom berichtete aus ihrer Arbeit und stellte viele der bisher vorliegenden Forschungsergebnisse vor.

09.04.2017

Die Referenten zum Thema Wildtiere im Siedlungsraum waren am 01. April 2017 beim Kurs „Der Stadtjäger JNWV-BW“  Herr Uwe König (wie in den vorausgegangenen Modulen zum Thema fallen und urbanes Wildtiermanagent), Frau Geve Peerenboom (Diplom Forstwirtin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Wildtierökologie und Wildtiermanagement an der Universität Freiburg) sowie Herr Dr. Christof Janko (Wildbiologe - heute: Wildlebensraumberatung im Bayrischen Landesamt für Landwirtschaft LfL in Freising und früher am Lehrstuhl für Tierökologie, Arbeitsgruppe Wildbiologie und Wildtiermanagement an der TU München-Weihenstephan).

 

Forschungsergebnisse der Universität Freiburg

 

Seit 2010 sei die Anzahl der weltweit  in Städten lebenden Bevölkerung höher als die der Bevölkerung auf dem Land, und die Tiere folgen. So sei z.B. die Anzahl der Brutvögelpaare pro Fläche proportional zur Größe der Städte.  Städte böten viele Vorteile:  eine Vielzahl an Strukturen, hohes Nahrungsangebot durch menschengemachte Nahrungsquellen (Müll, Kompost, Bewässerung), wärmere Temperaturen (im Schnitt 2°C wärmer als im Umland) und vom Menschen geht in Städten keine Gefahr aus.

 

Stadtnatur ist ein politisches Ziel: Die nationale Biodiversitätsstrategie wünscht eine Durchgrünung der Städte bis 2020. Die Naturschutzstrategie in Baden-Württemberg fordert vermehrt Freiräume zu schafften und zu vernetzen damit die biologische Vielfalt gefördert werden. „In Abhängigkeit der Funktion der Freiräume möchten wir so viel Stadtnatur wie möglich zulassen und fördern“.

 

Die Wahrnehmung der Wildtiere in den Siedlungsräumen durch die dort lebende Bevölkerung und wie diese auf die verschiedenen Arten reagiert sei sehr unterschiedlich und reiche vom Wildtier als Sympathieträger bis  Schädling und Krankheitsüberträger. Wildtiermanagement im Siedlungsraum, so Geva Peerenboom habe soziale, ökologische und technische (Steuerungs-) Komponenten.

 

Die Forschungsprojekte an der Universität Freiburg würden u.a. deswegen durchgeführt da das Thema Wildtiere im Siedlungsraum zunehmend aktuell wird und  die administrativen Strukturen in Baden-Württemberg hierfür bisher  unzureichend sind. Die Ziele seien: Handlungsempfehlungen für Wildtiermanagement im Siedlungsraum erarbeiten, die Umsetzung Begleiten und das Informationsangebot ausbauen.

 

Im Weiteren stellte Geva Peerenboom Ihre Umfrageergebnisse zu den von der Bevölkerung wahrgenommenen Wildtieren vor. Vor allem würden Fuchs, Steinmarder und Wildscheine gefolgt von Dachs, Reh, Wildkaninchen und Wasservögel wahrgenommen. Generell steige die Häufigkeit der Beobachtungen. Nach Tauben war nicht gefragt worden.

 

Ob die Empfindung bei der Wahrnehmung eher positiv, neutral oder negativ ist hänge entscheidend von den Umständen ab. Außerhalb des Ortes werden z.B. Füchse zu 70 % positiv wahrgenommen, was vor dem eigenen Haus oder auf der Straße in der Stadt schon auf 20 bzw. ca. 10% abnimmt. Auf dem Spielplatz ist die eher negative Wahrnehmung mit über 80% am höchsten (bei ca 10% neutraler und ca.8 % negativer Wahrnehmung).

 

Etwa die Hälfte der Befragten bewerte das Vorhandensein von Wildtieren im Siedlungsraum als eine Bereicherung. Einschränkungen wegen möglicher Gesundheitsgefährdungen werden genannt, die positiven Aspekte überwiegen jedoch. Die andere Hälfte der Befragten würde Wildtiere am liebsten aus den Wohnorten fernhalten. Als Argumente werden mögliche Schäden und Gesundheitsgefahren genannt.  Etwa ein Drittel der Befragten, die sich auf beide genannten Gruppen verteilen befürworte eine jagdliche Nutzung. Diese Befragten leben überwiegend in kleineren Gemeinden.

 

97 % der Befragten gaben an, externe Hilfe zu benötigen, falls Probleme mit Wildtieren im Wohnort auftreten (N = 2004); 65 % haben Ansprechpartner im Wohnort, die mit Rat und Tat weiterhelfen und 55 % fühlen sich ausreichend zu diesem Thema betreut. Das hieße aber gleichzeitig, dass fast die Hälfte der Bevölkerung nicht richtig betreut werden. Bei Problemen werde man telefonisch häufig weitergereicht und erhalte keine verwertbaren Antworten, häufig auch falsche Antworten.

 

Dass man nicht wirklich weiß von wem man Hilfe erwarten kann zeigt die Tatsache, dass 9 verschiedene personengruppen genannt werden bei denen man Hilfe suche. Dies reicht von Forstamt, Gemeindeverwaltung und Jäger über Polizei, Tierschutz- oder Naturschutzverein bis Tierarzt / Veterinäramt und Feuerwehr. Nur 3% gaben an, keine Hilfe zu benötigen.

 

Eine Recherche auf Gemeinde-Internetportale zeigte, dass Wildtiere in 85% aller Fälle nicht erwähnt werden und nur 3% der Gemeinden gingen explizit darauf ein, dass Wildtiere auch in Siedlungsräumen vorkommen.

 

Ein Fazit für ein urbanes Wildtiermanagement könnte lauten: Populationskontrolle mit jagdlichen Mitteln ist eher schwierig, technisch sehr aufwändig und die Akzeptanz eher bescheiden. Man benötigt eine klare Rollenverteilung der beteiligten Akteure, die Aufklärung der Bevölkerung ist eine sehr wichtige Komponente und eine enge Kooperation der Stadtverwaltungen mit Verbänden und Forschungseinrichtungen ist sinnvoll.

 

Als Zwischenziel seien Strukturen zu schaffen: das Bewusstsein für Zuständigkeiten auf kommunaler Ebene schaffen, Bürgern Eigenverantwortung bewusst machen, Netzwerke an Fachkompetenz etablieren, Handlungsleitfäden erstellen, Datenerhebung / Monitoring entwickeln und Ansprechpartner auf Stadt- und Kreisebene benennen!

 

Als Maßnahmen des urbanen Wildtiermanagement seien in erster Linie die Information der Bürger durch Beratung am Telefon oder vor Ort, technische Maßnahmen (z.B. Zäune, Barrieren), Koordination und Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren (Naturschutz, Veterinärämter, etc.),  Habitatsteuerung (Futterquellen, Strukturen), die Bejagungsintensität im Umland und falls unvermeidbar das Töten von einzelnen Wildtieren zu nennen.

 

Der Ansprechpartner vor Ort könnte der Stadtjäger sein, gekennzeichnet durch freundliches Auftreten, ökologisches Wissen, Kommunikationstalent und durch die Ausbildung zum Jagdschein und Stadtjäger hoch qualifiziert. Die öffentliche Verwaltung müsse dies unterstützen durch ein klares Auftragsverhältnis, Weisungsbefugnis, Kenntlichmachung und Erreichbarkeit wobei die Zuständigkeiten abgegrenzt sein müssten.

 

Sein Aufgabenbereich sei die Beratung vor Ort, Öffentlichkeitsarbeit (Führungen, Informationsstände, etc.), das Eingreifen mit jagdlichen Mitteln (z.B. Wildunfälle, Staupefüchse), die Beratung der Gemeinde und die Dokumentation der Fälle / Datenerhebung mit den Zielen ökonomische Schäden zu vermeiden, die Gesundheits- und Sicherheitsrisiken gering zu halten, den Tierschutz gewährleisten und durch Vermeidung der negativen Einflüsse das Naturerlebnis für die Bevölkerung auch in der Stadt zu stärken.

 

(1) www.wildlife.uni-freiburg.de/forschung/abgeschlossen/wildtier_siedlung

(2) www.wildlife.uni-freiburg.de/forschung/laufend/wildtier_siedlung_bw_ii

(3) www.wildlife.uni-freiburg.de/forschung/laufend/Wildtiere_Siedlungsraum_III

 

Bericht von Dr. Christof Janko

 

Christof Janko stellte die Wildtiere vor mit denen er und Uwe König als Stadtjäger hauptsächlich zu tun haben. Profiteure seien vor allem anpassungsfähige und  opportunistische Tierartenarten. Leben Wildtiere in der Stadt sei dies eine Anpassung der Tierarten an diesen speziellen Lebensraum und keine „Landflucht“ denn je nach Tierart bietet der dauerhafte oder  temporäre Aufenthalt den Tieren in der Stadt Überlebensvorteile.

 

An einer einzigen Fotofalle konnten im Stadtgebiet München in kürzester Zeit Waschbär, Alt- und Jungfuchs, Stein- und Baummarder (Hauskatze und Teckel) an einer Art Wechsel vorgegeben durch eine Zaunöffnung erfasst werden. Die statistische Auswertung ergab bei 4914 Auslösungen über einen Zeitraum von 9 Monaten 1089 erfasste Tiere (je 550 Nagetiere und Vögel, 390 Katzen, je 100 Igel und Füchse, je 50 Marder und Eichhörnchen sowie mehrmals Dachs, Hase, Reh, Siebenschläfer und Hunde.

 

Eine der wichtigsten Gründe weshalb sich Füchse in der Stadt aufhielten seine das vielfältige Nahrungsangebot wobei Dr. Janko zwischen „Einheitsgärten“ mit wenig Nahrungsangebot und „Fuchsgärten“ mit vielfältigen Nahrungsangebot unterschied. Wobei die Präsenz des Fuchses in Kleinstädten  und Dörfern vom Rand (1. Häuserreihe) bis  ins Zentrum (bereits ab 5. Häuserreihe)  stetig abnehme.

 

Im Weiteren wurden die Lebensräume  auch anhand von internationalen Forschungsergebnissen von Dachs, Waschbär, Steinmarder, Siebenschläfer, Kaninchen, Wildschein und Reh gefolgt von Enten und Gänsen, Tauben und Rabenkrähen vorgestellt.

 

Ein zunehmendes Problem sei die Besiedelungsdichte unserer Städte mit Wildtieren wodurch die Krankheitshäufigkeit ebenfalls stark zunehme.

 

Die Wildtierkrankheiten waren Thema des Modul 4 am Folgetag (siehe Bericht vom 02. April 2017).

 

Text und Bilder: Hans-Ulrich Endreß