Landesnaturschutzverband: Insektensterben aufhalten

Das diesjährige Zukunftsforum des Landesnaturschutzverbandes (LNV) am 11.11. in Stuttgart stand ganz im Zeichen des dramatischen Rückgangs der Insekten-Populationen. Studien belegen, dass in den letzten drei Jahrzehnten die Insektenpopulationen um etwa ¾ abgenommen haben. Die rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung diskutierten mit Wissenschaftlern und Experten über Ursachen, Folgen und Handlungsmöglichkeiten.

  • Foto: Menauer

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Erstellt am 13.11.2017

Mit großer Mehrheit beschlossen die Teilnehmer eine Resolution, in der ein Aktionsprogramm zur Bekämpfung des Insektensterbens gefordert wird. Konkret wird gefordert:

  • Kein Einsatz von Pestiziden mit Neonicotinoiden als Wirkstoff
  • Ein wirksames Pestizidreduktionsprogramm
  • Ein Pestizidverbot in Kleingärten
  • Die Reduktion der Stickstoffeinträge
  • Die naturnahe Gestaltung von privaten und öffentlichen Grünflächen.

 

Artensterben ist keine Erfindung der Naturschützer

Dr. Andreas Krüß vom Bundesamt für Naturschutz trat in seinem Vortrag der Behauptung entgegen, das Insektensterben sei nur eine Erfindung ideologischer Naturschützer und schlampiger Hobbywissenschaftler. Er belegte durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen aus diversen Ländern, dass der Rückgang der Insektenbiomasse um etwa ¾ eine Realität ist. Die Folgen seien gravierend, stelle doch die Bestäubungsleistung der Insekten für Nutzpflanzen einen ökonomischen Wert von 153 Mrd. Euro pro Jahr weltweit dar. Unter den wahrscheinlichen Ursachen für den Rückgang nannte er u. a. den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft und die Beseitigung von Kleinstrukturen in der Landschaft.

 

Landesbauernverband: Dörfer und Gärten sind zu aufgeräumt

Gerhard Glaser vom Landesbauernverband begründete in seinem Vortrag, warum die Landwirtschaft ist wie sie ist. Die Bauern müssten auch wegen der wachsenden Weltbevölkerung auf immer weniger Fläche immer mehr produzieren. Auch der Preisdruck führe dazu, dass alle zulässigen technischen Möglichkeiten ausgenutzt würden. Die moderne Landwirtschaft müsse aber nicht schlecht sein: In neuen Ställen ginge es den Tieren deutlich besser als in alten. Als eine Ursache des Insektenrückgangs sah Glaser die zu große Aufgeräumtheit von Dörfern und Gärten an. Wo auch mal ein Misthaufen stehe und ungepflegte Vegetation stünde, habe es mehr Insekten. Für insektenfreundliche Pestizide zahlten die Landwirte deutlich höher Preise. Deshalb werde er der Aussage nachgehen, die „bienenfreundlichen“ Mittel seien nicht wesentlich besser als die anderen.

 

Neurologe kritisiert: Zulassungsverfahren für Pestizide sind veraltet

Der Neurologe Prof. Menzel von der Freien Universität Berlin beschäftigt sich mit dem Nervensystem der Bienen. In beeindruckenden Experimenten konnte er nachweisen, dass bereits geringste Dosen von Neonicotinoiden dazu führen, dass Bienen ihr Gedächtnis verlieren und sich im Raum nicht mehr orientieren können. Während ein Bienenstock mit tausenden Tieren den Verlust eines Teils der Bienen wegstecken und kompensieren könne, gelte dies für andere Insektenarten nicht.

Er bemängelte, dass die europäischen Prüfvorgaben für die Zulassung von Pestiziden nicht auf dem Stand der Wissenschaft seien. Zudem würden die Hersteller oft Studien mit fragwürdiger Methodik anstellen.

 

Weniger Insekten = weniger Vögel

Wo es weniger Insekten gibt, geht auch die Zahl der Vögel zurück, von denen die meisten während bestimmter Phasen auf Insektennahrung angewiesen sind, berichtete Dr. Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell. Betroffen seien gerade auch Zugvögel. Neben Veränderungen in der Landwirtschaft nannte Bauer auch den Klimawandel als eine Ursache des Rückgangs mancher Vogelarten.

 

Dr. Rainer Oppermann vom Institut für Agrarbiodiversität (ifab) widmete sich der Frage, wie eine Agrarpolitik aussehen müsste, die zu einer insektenfreundlichen Landwirtschaft führt. Er stellte das Konzept des Naturschutzbundes (NABU) für die Reform der EU-Agrarpolitik vor, das unter dem Motto „fit, fair, nachhaltig“ steht. Statt die Fördergelder „mit der Gießkanne“ auf alle Flächen zu verteilen, sollten gezielt ökologische Leistungen auf ca. 10 % der Agrarfläche gefördert werden. Modellrechnungen zeigen, dass davon auch die meisten landwirtschaftlichen Betriebe profitieren würden oder zumindest keine Nachteile hätten. Das gilt freilich nicht für Betriebe, die auf kleiner Fläche sehr viele Tiere halten. Diese Betriebe seien es aber auch, die die größten Umweltprobleme verursachen.

 

Dr. Karin Deventer von der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz stellte das Biotopvernetzungskonzept des Landes vor. Eine landesweite Planung zeigt, wo im Biotop-Netz noch Lücken bestehen. In einer Reihe von Modellprojekten mit Kommunen und Umweltverbänden werde derzeit ausprobiert, wie ein Lückenschluss am besten umgesetzt werden könne.

 

Staatssekretär Baumann: In keinem anderen Bundesland wird so viel getan

Staatssekretär Andre Baumann stellte die Leistungen der Landesregierung für die Artenvielfalt heraus. Seit sechs Jahren finde ein beispielloser Aufwuchs der Ressourcen für den Naturschutz statt, sowohl bei den Haushaltsmitteln wie auch beim Personal. In keinem anderen Bundesland werde so viel für den Naturschutz getan. In der Naturschutzstrategie seien die wesentlichen Handlungsfelder benannt, und die Regierung werde in diesem Sinne konsequent handeln. Dem LNV dankte Baumann für seine Initiative für flächendeckende Landschaftserhaltungsverbände, die die Landkreise mittlerweile mit Hilfe der Landesregierung umgesetzt haben.

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